Zurückgeblieben durch SMS?
City- & Szenenews
09.06.2009
Was bei Teenagern schieflaufen kann, die vom Tippen nicht wegkommen.
Die New York Times schlägt Alarm: US-amerikanische Reenager verschicken pro Monat durchschnittlich 2.272 SMS, mehr als doppelt so viel wie noch vor einem Jahr. Ermöglicht wird dies durch SMS-Flatrate-Angebote, die den Kostenfaktor unproblematisch werden lassen. Stattdessen sehen die NYT-Journalisten bzw. die befragten Wissenschaftler ganz andere Probleme für die Jugendlichen.
Rundum geschädigt
Es sind nicht nur die Fingerknöchel, -knochen und -gelenke, die durch die ständige Beanspruchung dauerhaft geschädigt werden können. Es sind nicht nur die Schlafstörungen, weil das Telefon auch nachts nicht ausgeschaltet wird und das Texten unter der Bettdecke weitergeht. Es sind nicht nur die schulischen Leistungen, die nachlassen, weil die Schüler trotz Verbots auch während des Unterrichts das SMS-Tippen nicht einstellen (beliebter Trick: so tun, als würde man etwas in der Schultasche suchen).
Erwachsenwerden unmöglich?
Das Problem, auf das die MITT-Professorin Sherry Turkle mit Nachdruck hinweist: Die Jugendlichen würden durch das ständige Tippen in ihrer Entwicklung gehemmt. Die Pubertät sei der Zeitraum, in dem man zu einer eigenständigen Person werde und sich von den Eltern ablöse. Die ständige Erreichbarkeit sei in mehrfacher Hinsicht ein Problem: Zum einen finde man nie die Zeit und die innere Ruhe, die man brauche, um zu sich selbst zu finden, wenn alle fünf Minuten das Handy piepsend Aufmerksamkeit fordert und eintreffende Nachrichten sofort beantwortet werden müssen. Wer durch das ewige Gepiepse aus jedem eigenständigen Gedanken gerissen werde, könne sich schwerlich zu einer erwachsenen Persönlichkeit entwickeln. Zum anderen werde der Ablösungsprozess behindert, wenn man bei jeder Kleinigkeit den Eltern eine SMS schicke (z.B. beim Einkauf: "Soll ich die roten oder die schwarzen Schuhe nehmen, Mama?").
Druck der Dauerkommunikation
Andere Wissenschaftler weisen ebenfalls auf psychische Probleme hin, so auch der kalifornische Psychotherapeut Michael Hausauer. Teenager hätten ein immenses Interesse daran, was sich im Leben ihrer Altersgenossen abspiele, gepaart mit einer ebenso großen Angst, draußen zu sein. Das zunehmende SMS-Schreiben habe ein großes Potential - sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht. "SMS-Schreiben kann ein enormes Hilfsmittel sein. Es verspricht Verbundenheit und bietet Gesellschaft. Doch ebenso gut kann es dazu führen, dass sich ein Jugendlicher geängstigt und übermäßig ausgeliefert und öffentlich sichtbar fühlt." Aus der Möglichkeit, ständig erreichbar zu sein, wird eben leicht ein Druck, und längst nicht jede SMS-Kommunikation ist eine freundschaftliche.
Panik vor der Einsamkeit, Angst vor Nichtkonformität
Nachvollziehbar ist diese Besorgnis für den Telepolis-Journalisten Florian Rötzer, der die Problematik in seinem Blog aufgreift. Die "Vielzahl an verfügbaren Kommunikationsmitteln" erzeuge möglicherweise "nicht nur den Zwang, stets präsent und ansprechbar zu sein, stetig mitzumischen und keine Chance zu verpassen, sondern auch die Panik vor der schwarzen Kommunikationsloch, also einer Einsamkeit, die vermutlich wichtig ist, um Selbstbewusstsein und Personalität auch gegen den sozialen Strom entstehen zu lassen." Eine durch Medien geförderte Konformität (gemeint sein können Styling, Sprechweisen, Meinungen und schließlich die ganze Persönlichkeit) könne durch Web-2.0-Angebote verstärkt werden. Denn hier, so Rätzers Argumentation, erhält vor allem der oder die Aufmerksamkeit, die in ein populäres Schema passt - "während die sperrige oder verkauzte, aber auch - zumindest gelegentlich - kreative und verstörende Individualität ins Hintertreffen gerät".
Mut zum Anderssein
Falls diese Annahme richtig sei, dann, so Rötzer weiter, "brauchen wir mehr digitale Eremiten, also Menschen, die die Informations- und Kommunikationsmittel selbstbestimmt nutzen und vor allem auch nicht nutzen können. Die es aushalten, nicht dabei zu sein, für sich zu sein, allein zu sein, ausgeschlossen zu sein, kurz: Individuen zu sein." Hier könnte man zurückverweisen auf den Artikel in der New York Times: Er schließt mit der Feststellung, dass eine Selbstbeschränkung den Jugendlichen umso schwerer falle, je mehr die Eltern selbst am Blackberry oder Mobiltelefon hängen. Oft würden die Kinder darunter leiden, dass ihnen diese Medien die Aufmerksamkeit ihrer Eltern streitig machten. Persönlichkeitsbildung ist eben nie abgeschlossen und schlägt vermutlich leicht in Rückentwicklungen um.
Ehrenrettung der Technik?
Es wäre allerdings kein Telepolis-Blog, würde Rötzer nicht noch einmal eine Lanze für die neuen Medien brechen - dann eben wegen der körperlichen Schäden durch vermehrtes SMS-Tippen. Dazu vermerkt der Autor, dass die "gefeierte Kulturtechnik Lesen freilich auch zu Veränderungen des Körpers und zu 'unnatürlichen' Körperhaltungen geführt" habe.
Streberhaft anfügen könnte man noch einen Verweis auf Platon: In dem sokratischen Dialog
Was bei Teenagern schieflaufen kann, die vom Tippen nicht wegkommen.
Die New York Times schlägt Alarm: US-amerikanische Reenager verschicken pro Monat durchschnittlich 2.272 SMS, mehr als doppelt so viel wie noch vor einem Jahr. Ermöglicht wird dies durch SMS-Flatrate-Angebote, die den Kostenfaktor unproblematisch werden lassen. Stattdessen sehen die NYT-Journalisten bzw. die befragten Wissenschaftler ganz andere Probleme für die Jugendlichen.
Rundum geschädigt
Es sind nicht nur die Fingerknöchel, -knochen und -gelenke, die durch die ständige Beanspruchung dauerhaft geschädigt werden können. Es sind nicht nur die Schlafstörungen, weil das Telefon auch nachts nicht ausgeschaltet wird und das Texten unter der Bettdecke weitergeht. Es sind nicht nur die schulischen Leistungen, die nachlassen, weil die Schüler trotz Verbots auch während des Unterrichts das SMS-Tippen nicht einstellen (beliebter Trick: so tun, als würde man etwas in der Schultasche suchen).
Erwachsenwerden unmöglich?
Das Problem, auf das die MITT-Professorin Sherry Turkle mit Nachdruck hinweist: Die Jugendlichen würden durch das ständige Tippen in ihrer Entwicklung gehemmt. Die Pubertät sei der Zeitraum, in dem man zu einer eigenständigen Person werde und sich von den Eltern ablöse. Die ständige Erreichbarkeit sei in mehrfacher Hinsicht ein Problem: Zum einen finde man nie die Zeit und die innere Ruhe, die man brauche, um zu sich selbst zu finden, wenn alle fünf Minuten das Handy piepsend Aufmerksamkeit fordert und eintreffende Nachrichten sofort beantwortet werden müssen. Wer durch das ewige Gepiepse aus jedem eigenständigen Gedanken gerissen werde, könne sich schwerlich zu einer erwachsenen Persönlichkeit entwickeln. Zum anderen werde der Ablösungsprozess behindert, wenn man bei jeder Kleinigkeit den Eltern eine SMS schicke (z.B. beim Einkauf: "Soll ich die roten oder die schwarzen Schuhe nehmen, Mama?").
Druck der Dauerkommunikation
Andere Wissenschaftler weisen ebenfalls auf psychische Probleme hin, so auch der kalifornische Psychotherapeut Michael Hausauer. Teenager hätten ein immenses Interesse daran, was sich im Leben ihrer Altersgenossen abspiele, gepaart mit einer ebenso großen Angst, draußen zu sein. Das zunehmende SMS-Schreiben habe ein großes Potential - sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht. "SMS-Schreiben kann ein enormes Hilfsmittel sein. Es verspricht Verbundenheit und bietet Gesellschaft. Doch ebenso gut kann es dazu führen, dass sich ein Jugendlicher geängstigt und übermäßig ausgeliefert und öffentlich sichtbar fühlt." Aus der Möglichkeit, ständig erreichbar zu sein, wird eben leicht ein Druck, und längst nicht jede SMS-Kommunikation ist eine freundschaftliche.
Panik vor der Einsamkeit, Angst vor Nichtkonformität
Nachvollziehbar ist diese Besorgnis für den Telepolis-Journalisten Florian Rötzer, der die Problematik in seinem Blog aufgreift. Die "Vielzahl an verfügbaren Kommunikationsmitteln" erzeuge möglicherweise "nicht nur den Zwang, stets präsent und ansprechbar zu sein, stetig mitzumischen und keine Chance zu verpassen, sondern auch die Panik vor der schwarzen Kommunikationsloch, also einer Einsamkeit, die vermutlich wichtig ist, um Selbstbewusstsein und Personalität auch gegen den sozialen Strom entstehen zu lassen." Eine durch Medien geförderte Konformität (gemeint sein können Styling, Sprechweisen, Meinungen und schließlich die ganze Persönlichkeit) könne durch Web-2.0-Angebote verstärkt werden. Denn hier, so Rätzers Argumentation, erhält vor allem der oder die Aufmerksamkeit, die in ein populäres Schema passt - "während die sperrige oder verkauzte, aber auch - zumindest gelegentlich - kreative und verstörende Individualität ins Hintertreffen gerät".
Mut zum Anderssein
Falls diese Annahme richtig sei, dann, so Rötzer weiter, "brauchen wir mehr digitale Eremiten, also Menschen, die die Informations- und Kommunikationsmittel selbstbestimmt nutzen und vor allem auch nicht nutzen können. Die es aushalten, nicht dabei zu sein, für sich zu sein, allein zu sein, ausgeschlossen zu sein, kurz: Individuen zu sein." Hier könnte man zurückverweisen auf den Artikel in der New York Times: Er schließt mit der Feststellung, dass eine Selbstbeschränkung den Jugendlichen umso schwerer falle, je mehr die Eltern selbst am Blackberry oder Mobiltelefon hängen. Oft würden die Kinder darunter leiden, dass ihnen diese Medien die Aufmerksamkeit ihrer Eltern streitig machten. Persönlichkeitsbildung ist eben nie abgeschlossen und schlägt vermutlich leicht in Rückentwicklungen um.
Ehrenrettung der Technik?
Es wäre allerdings kein Telepolis-Blog, würde Rötzer nicht noch einmal eine Lanze für die neuen Medien brechen - dann eben wegen der körperlichen Schäden durch vermehrtes SMS-Tippen. Dazu vermerkt der Autor, dass die "gefeierte Kulturtechnik Lesen freilich auch zu Veränderungen des Körpers und zu 'unnatürlichen' Körperhaltungen geführt" habe.
Streberhaft anfügen könnte man noch einen Verweis auf Platon: In dem sokratischen Dialog
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