Rückkehr von "Zucht und Ordnung" - Schwerin streitet um die Einführung von Kopfnoten
City- & Szenenews
23.05.2008
Mit der Wende 1989 wurden in den Schule die Zensuren für Verhalten, Mitarbeit oder Zuverlässigkeit abgeschafft. Landesregierung und Wirtschaftsvertreter wollen sie wieder einführen, doch umstritten sind die Kopfnoten heute immer noch.
Streit im Schweriner Landtag
Die Einführung sogenannter Kopfnoten ab dem kommenden Schuljahr sorgt in Mecklenburg-Vorpommern weiterhin für heftige Diskussionen. Die Landesregierung aus SPD und CDU möchte im kommenden Schuljahr an allen allgemeinbildenden Schulen Kopfnoten einführen. Die Oppositionsparteien im Landtag kritisieren diese Pläne scharf.
FDP und Linke zweifeln vor allem an der Vergleichbarkeit der Bewertungen. Der Ablehnung schloss sich auch der Landeselternrat an. Vertreter der Wirtschaftsverbände hingegen begrüßten das Vorhaben. Der Bildungsausschuss des Landtages beauftragte am Donnerstag nach einer Anhörung von Experten die Landesregierung, sich zu den Modalitäten der Einführung von Kopfnoten zu äußern.
Was wird genau bewertet?
Einer Verordnung des Bildungsministeriums zufolge sollen künftig an allgemeinbildenden Schulen bis zur Klassenstufe 10 Kriterien wie Anstrengungsbereitschaft, Mitarbeit, Zuverlässigkeit und Selbstständigkeit beurteilt werden. Dafür stehen den Pädagogen vier Bewertungsstufen von "vorbildlich" bis "entwicklungsbedürftig" zur Verfügung.
Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (CDU) verteidigte die Kopfnoten. Neben der fachlichen Ausbildung spielten soziale Kompetenzen eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung auf das Arbeitsleben. Die hohe Zahl von Ausbildungsabbrechern sei meist auch Ausdruck mangelhafter Eigenschaften beim Arbeitsverhalten, sagte er. Vor allem für die Wirtschaft seien die Beurteilungen hilfreich. Bereits im Vorfeld der Ausschussanhörung hatte die Vereinigung der Unternehmerverbände für Mecklenburg-Vorpommern (VUMV) die Einführung von Kopfnoten begrüßt. Diese träfen den Kern der Herausforderungen, vor denen junge Leute stehen, wenn sie als Erwachsene erfolgreich sein wollen, sagte VUMV-Präsident Hans-Dieter Bremer.
Die SPD-Abgeordnete Heike Polzin stellte klar, dass mit Kopfnoten nicht die Schüler als Personen, sondern ihr Arbeits- und Sozialverhalten bewertet werde. Polzin regte an, die getroffene Regelung nach einer gewissen Zeit auszuwerten und gegebenenfalls zu überarbeiten. Nach Ansicht des bildungspolitischen Sprechers der CDU-Fraktion, Marc Reinhardt, stärken Kopfnoten den "Erziehungsauftrag der Schulen". Durch sie erhielten Schüler eine "verlässliche Richtschnur für die demokratische Gesellschaft". Gleichzeitig wies er darauf hin, dass für die Beurteilung eine partnerschaftliche Zusammenarbeit von Erziehungsberechtigten und Schule unverzichtbar sei.
Kritik von Opposition und Landeselternrat
Der Bildungsexperte der Linke-Fraktion, Andreas Bluhm, kritisierte dagegen die mangelnde Transparenz sowie das Fehlen eines einheitlichen Bewertungsmaßstabs. Trotz der Kritik im Vorfeld habe der Bildungsminister an den unbestrittenen Beurteilungskategorien festgehalten. Die Einführung von Kopfnoten stellt nach Ansicht des Landeselternrates vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien weiter an den Rand. Nur wenn sie in der Schule die Sozialkompetenz erlernten, könne diese auch beurteilt werden.
Fraglich ist außerdem, ob Kopfnoten nicht dazu beitragen, kritische Äußerungen von Schülern zu unterdrücken, wie die Landesschülervertretung in Nordrhein-Westfalen nach einem Bericht der Zeit befürchtet. In dem Bundesland sind die Kopfnoten in diesem Jahr bereits wieder eingeführt worden.
Kopfnoten sollen motivieren, aber wozu?
Mit Motivation wird in der Pädagogik die Art des Anreizes bezeichnet, die eine Person zu einer bestimmten Handlung veranlasst. Aus pädagogischer Sicht lässt sich dem Argument der Landesregierung entgegnen, dass äußere Anreize die Schüler nicht effektiver lernen lassen. In der Forschung unterscheiden Pädagogen extrinische, also äußerliche - und intrinsische also innere Motivation. Kopfnoten zur Verbesserung der Arbeitsmoral stellen eine äußerliche Motivation dar, die vordergründig nichts mit den Inhalten zu tun haben, die die Schüler lernen sollen. Schüler lernen allerdings besser, wenn sie Spaß an der Ausführung einer Tätigkeit selbst haben. Das hieße in der pädgogischen Praxis, dass Schülern der Spaß am Lernen vermittelt werden müsse.
(ddp/jd)
Mit der Wende 1989 wurden in den Schule die Zensuren für Verhalten, Mitarbeit oder Zuverlässigkeit abgeschafft. Landesregierung und Wirtschaftsvertreter wollen sie wieder einführen, doch umstritten sind die Kopfnoten heute immer noch.
Streit im Schweriner Landtag
Die Einführung sogenannter Kopfnoten ab dem kommenden Schuljahr sorgt in Mecklenburg-Vorpommern weiterhin für heftige Diskussionen. Die Landesregierung aus SPD und CDU möchte im kommenden Schuljahr an allen allgemeinbildenden Schulen Kopfnoten einführen. Die Oppositionsparteien im Landtag kritisieren diese Pläne scharf.
FDP und Linke zweifeln vor allem an der Vergleichbarkeit der Bewertungen. Der Ablehnung schloss sich auch der Landeselternrat an. Vertreter der Wirtschaftsverbände hingegen begrüßten das Vorhaben. Der Bildungsausschuss des Landtages beauftragte am Donnerstag nach einer Anhörung von Experten die Landesregierung, sich zu den Modalitäten der Einführung von Kopfnoten zu äußern.
Was wird genau bewertet?
Einer Verordnung des Bildungsministeriums zufolge sollen künftig an allgemeinbildenden Schulen bis zur Klassenstufe 10 Kriterien wie Anstrengungsbereitschaft, Mitarbeit, Zuverlässigkeit und Selbstständigkeit beurteilt werden. Dafür stehen den Pädagogen vier Bewertungsstufen von "vorbildlich" bis "entwicklungsbedürftig" zur Verfügung.
Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (CDU) verteidigte die Kopfnoten. Neben der fachlichen Ausbildung spielten soziale Kompetenzen eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung auf das Arbeitsleben. Die hohe Zahl von Ausbildungsabbrechern sei meist auch Ausdruck mangelhafter Eigenschaften beim Arbeitsverhalten, sagte er. Vor allem für die Wirtschaft seien die Beurteilungen hilfreich. Bereits im Vorfeld der Ausschussanhörung hatte die Vereinigung der Unternehmerverbände für Mecklenburg-Vorpommern (VUMV) die Einführung von Kopfnoten begrüßt. Diese träfen den Kern der Herausforderungen, vor denen junge Leute stehen, wenn sie als Erwachsene erfolgreich sein wollen, sagte VUMV-Präsident Hans-Dieter Bremer.
Die SPD-Abgeordnete Heike Polzin stellte klar, dass mit Kopfnoten nicht die Schüler als Personen, sondern ihr Arbeits- und Sozialverhalten bewertet werde. Polzin regte an, die getroffene Regelung nach einer gewissen Zeit auszuwerten und gegebenenfalls zu überarbeiten. Nach Ansicht des bildungspolitischen Sprechers der CDU-Fraktion, Marc Reinhardt, stärken Kopfnoten den "Erziehungsauftrag der Schulen". Durch sie erhielten Schüler eine "verlässliche Richtschnur für die demokratische Gesellschaft". Gleichzeitig wies er darauf hin, dass für die Beurteilung eine partnerschaftliche Zusammenarbeit von Erziehungsberechtigten und Schule unverzichtbar sei.
Kritik von Opposition und Landeselternrat
Der Bildungsexperte der Linke-Fraktion, Andreas Bluhm, kritisierte dagegen die mangelnde Transparenz sowie das Fehlen eines einheitlichen Bewertungsmaßstabs. Trotz der Kritik im Vorfeld habe der Bildungsminister an den unbestrittenen Beurteilungskategorien festgehalten. Die Einführung von Kopfnoten stellt nach Ansicht des Landeselternrates vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien weiter an den Rand. Nur wenn sie in der Schule die Sozialkompetenz erlernten, könne diese auch beurteilt werden.
Fraglich ist außerdem, ob Kopfnoten nicht dazu beitragen, kritische Äußerungen von Schülern zu unterdrücken, wie die Landesschülervertretung in Nordrhein-Westfalen nach einem Bericht der Zeit befürchtet. In dem Bundesland sind die Kopfnoten in diesem Jahr bereits wieder eingeführt worden.
Kopfnoten sollen motivieren, aber wozu?
Mit Motivation wird in der Pädagogik die Art des Anreizes bezeichnet, die eine Person zu einer bestimmten Handlung veranlasst. Aus pädagogischer Sicht lässt sich dem Argument der Landesregierung entgegnen, dass äußere Anreize die Schüler nicht effektiver lernen lassen. In der Forschung unterscheiden Pädagogen extrinische, also äußerliche - und intrinsische also innere Motivation. Kopfnoten zur Verbesserung der Arbeitsmoral stellen eine äußerliche Motivation dar, die vordergründig nichts mit den Inhalten zu tun haben, die die Schüler lernen sollen. Schüler lernen allerdings besser, wenn sie Spaß an der Ausführung einer Tätigkeit selbst haben. Das hieße in der pädgogischen Praxis, dass Schülern der Spaß am Lernen vermittelt werden müsse.
(ddp/jd)
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