Mord im Internet
City- & Szenenews
11.07.2008
Eine interaktive Karte zeigt die blutigen Hochburgen Deutschlands. Der Spion weiß mehr!
Mordort nennt sich das Projekt, das im Internet eine Deutschlandkarte für tödliche Kriminalfälle eröffnet hat. Hier kann jeder, der einen Mordfall kennt, diesen eintragen: Anmelden, auf "Mord hinzufügen" gehen und eine möglichst genaue Schilderung der Umstände beifügen - fertig.
Wer macht denn sowas?
Hinter dem Webauftritt stecken die Firmen Ingo Wegener und Vista Nova, deren Betreiber sich selbst als "eingefleischte Krimifans" bezeichnen. Sie betreiben das Projekt derzeit nebenberuflich und "mit eigenen Bordmitteln". Beide Firmen stammen aus Hamburg - was möglicherweise den Umstand erklärt, dass die Hansestadt derzeit in der Statistik noch ganz oben rangiert: 100 der bislang 158 registrierten Morde tragen den Tag "Hamburg". Zu Hause kennt man sich eben am besten aus!
Jeder Mord zählt - auch auf dem Papier
Auf den ersten Blick merkwürdig ist der unklare Realitätsanspruch von www.mordort.de. Denn man verlangt keineswegs, dass sich die geschilderten Morde tatsächlich zugetragen haben. Erlaubt sind auch Einträge fiktiver Morde, beispielsweise aus Kriminalromanen oder Tatort-Folgen. Das kann unter anderem dazu führen, dass auch ein zukünftiger Mord schon in der Karte verzeichnet ist - zum Glück nur als Krimi-Ereignis.
Mord, literarisch
Der Bezug zum Reich der Fiktion erklärt sich möglicherweise daraus, dass das Projekt einigermaßen einträglich sein soll, zumindest aber finanziert werden muss. Neben Werbung auf der Seite soll dies über Provision geschehen: Auf mordort.de kann das an Mord und Totschlag interessierte Publikum auch Kriminalromane und DVDs bestellen. Und dann natürlich immer fleißig eintragen! Das tun dann ganz gern auch die Autoren selbst, die gleichzeitig damit für ihre Bücher werben.
Dennoch hat die Mehrzahl der bisher verzeichneten Fälle (145 von 155) einen realen Hintergrund. Darunter sind so bekannte und spektakuläre Fälle wie der des Serienmörders Fritz Haarmann, aber auch der "ganz normale" Mord, von dem man beiläufig in der Zeitung erfährt. Nur dass es sich auf mordort.de häufig besser liest - die Schilderungen auch der realen Morde weisen gelegentlich und ansatzweise literarische Qualitäten auf. Das klingt dann zum Beispiel so:
"Blutiges Drama in Goßlers Park (01.10.2004)
Es waren erst vier Wochen vergangen, seit seine Mutter Opfer eines Einbruchs geworden war. Dann hörte der 39-jährige Makler Einbruchgeräusche in seiner eigenen Wohnung, einer Villa gegenüber vom Goßlers Park in Blankenese. Statt die Polizei zu rufen, beschloss er, die Sache selbst in die Hand zu nehmen - wahrscheinlich immer noch emotional aufgeheizt durch den Raub in der Wohnung seiner Mutter.
Er zog seine Turnschuhe an, eilte vom Schlafzimmer ins Wohnzimmer und machte sich auf den Weg in den Garten. Ein Schritt durch die Verandatür und der Täter, der sich hinter einem Busch verschanzt hatte, feuerte die ersten zwei Schüsse auf den Mann. Doch dessen Wut war größer als seine Angst und er setzte unverletzt seinem zukünftigen Mörder hinterher. Drei weitere Schüsse ins Nichts fielen, bevor er den Einbrecher stellen konnte. Ein Handgemenge, er kann dem Einbrecher seine Tasche entreißen: "Sie wollten wohl bei mir einbrechen?", soll er laut Aussagen von Nachbarn seinem Gegenüber ins Gesicht gerufen haben.
Doch dessen Revolver hat noch Kugeln im Magazin: Zwei weitere Schüsse fallen. Einer davon aufgesetzt, durchdringt Zwergfell, Herz und Lunge des Opfers. Der Mann verblutet nur 50 m von seinem Haus entfernt, der Notarzt stellt um 3.30 Uhr den Tod fest. Der Raubmörder kann entkommen. Erst 2007 kann der mittlerweile 63-jährige mutmaßliche Täter gefasst werden - mit einem schier unglaublichen Anklagevorwurf für den Zeitraum 1999 bis 2007: Mord, dreifacher versuchter Mord sowie 82 Einbrüche mit einer Beute von 470.000 Euro. 190 Zeugen sind zum Gerichtsprozess geladen. DNA-Analysen überführten den Mann."
Vielleicht entdecken ja hier künftige Krimiautoren ihr Talent? Von ihnen abgesehen, richtet sich das Anfang 2008 gegründete Projekt an "Krimiliebhaber, Stadtteilforscher, Kulturhistoriker, Krimiautoren und allgemein an Menschen, die mehr über die Umgebung erfahren wollen, in der sie leben."
Für PR-willige Verbrecher, die à la Hollywood auf ihre Taten aufmerksam machen wollen, dürfte die Plattform hingegen ungeeignet sein: Jeder Eintrag wird vor der Veröffentlichung geprüft - nicht zuletzt aus Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte der Opfer.
(ur)
Eine interaktive Karte zeigt die blutigen Hochburgen Deutschlands. Der Spion weiß mehr!
Mordort nennt sich das Projekt, das im Internet eine Deutschlandkarte für tödliche Kriminalfälle eröffnet hat. Hier kann jeder, der einen Mordfall kennt, diesen eintragen: Anmelden, auf "Mord hinzufügen" gehen und eine möglichst genaue Schilderung der Umstände beifügen - fertig.
Wer macht denn sowas?
Hinter dem Webauftritt stecken die Firmen Ingo Wegener und Vista Nova, deren Betreiber sich selbst als "eingefleischte Krimifans" bezeichnen. Sie betreiben das Projekt derzeit nebenberuflich und "mit eigenen Bordmitteln". Beide Firmen stammen aus Hamburg - was möglicherweise den Umstand erklärt, dass die Hansestadt derzeit in der Statistik noch ganz oben rangiert: 100 der bislang 158 registrierten Morde tragen den Tag "Hamburg". Zu Hause kennt man sich eben am besten aus!
Jeder Mord zählt - auch auf dem Papier
Auf den ersten Blick merkwürdig ist der unklare Realitätsanspruch von www.mordort.de. Denn man verlangt keineswegs, dass sich die geschilderten Morde tatsächlich zugetragen haben. Erlaubt sind auch Einträge fiktiver Morde, beispielsweise aus Kriminalromanen oder Tatort-Folgen. Das kann unter anderem dazu führen, dass auch ein zukünftiger Mord schon in der Karte verzeichnet ist - zum Glück nur als Krimi-Ereignis.
Mord, literarisch
Der Bezug zum Reich der Fiktion erklärt sich möglicherweise daraus, dass das Projekt einigermaßen einträglich sein soll, zumindest aber finanziert werden muss. Neben Werbung auf der Seite soll dies über Provision geschehen: Auf mordort.de kann das an Mord und Totschlag interessierte Publikum auch Kriminalromane und DVDs bestellen. Und dann natürlich immer fleißig eintragen! Das tun dann ganz gern auch die Autoren selbst, die gleichzeitig damit für ihre Bücher werben.
Dennoch hat die Mehrzahl der bisher verzeichneten Fälle (145 von 155) einen realen Hintergrund. Darunter sind so bekannte und spektakuläre Fälle wie der des Serienmörders Fritz Haarmann, aber auch der "ganz normale" Mord, von dem man beiläufig in der Zeitung erfährt. Nur dass es sich auf mordort.de häufig besser liest - die Schilderungen auch der realen Morde weisen gelegentlich und ansatzweise literarische Qualitäten auf. Das klingt dann zum Beispiel so:
"Blutiges Drama in Goßlers Park (01.10.2004)
Es waren erst vier Wochen vergangen, seit seine Mutter Opfer eines Einbruchs geworden war. Dann hörte der 39-jährige Makler Einbruchgeräusche in seiner eigenen Wohnung, einer Villa gegenüber vom Goßlers Park in Blankenese. Statt die Polizei zu rufen, beschloss er, die Sache selbst in die Hand zu nehmen - wahrscheinlich immer noch emotional aufgeheizt durch den Raub in der Wohnung seiner Mutter.
Er zog seine Turnschuhe an, eilte vom Schlafzimmer ins Wohnzimmer und machte sich auf den Weg in den Garten. Ein Schritt durch die Verandatür und der Täter, der sich hinter einem Busch verschanzt hatte, feuerte die ersten zwei Schüsse auf den Mann. Doch dessen Wut war größer als seine Angst und er setzte unverletzt seinem zukünftigen Mörder hinterher. Drei weitere Schüsse ins Nichts fielen, bevor er den Einbrecher stellen konnte. Ein Handgemenge, er kann dem Einbrecher seine Tasche entreißen: "Sie wollten wohl bei mir einbrechen?", soll er laut Aussagen von Nachbarn seinem Gegenüber ins Gesicht gerufen haben.
Doch dessen Revolver hat noch Kugeln im Magazin: Zwei weitere Schüsse fallen. Einer davon aufgesetzt, durchdringt Zwergfell, Herz und Lunge des Opfers. Der Mann verblutet nur 50 m von seinem Haus entfernt, der Notarzt stellt um 3.30 Uhr den Tod fest. Der Raubmörder kann entkommen. Erst 2007 kann der mittlerweile 63-jährige mutmaßliche Täter gefasst werden - mit einem schier unglaublichen Anklagevorwurf für den Zeitraum 1999 bis 2007: Mord, dreifacher versuchter Mord sowie 82 Einbrüche mit einer Beute von 470.000 Euro. 190 Zeugen sind zum Gerichtsprozess geladen. DNA-Analysen überführten den Mann."
Vielleicht entdecken ja hier künftige Krimiautoren ihr Talent? Von ihnen abgesehen, richtet sich das Anfang 2008 gegründete Projekt an "Krimiliebhaber, Stadtteilforscher, Kulturhistoriker, Krimiautoren und allgemein an Menschen, die mehr über die Umgebung erfahren wollen, in der sie leben."
Für PR-willige Verbrecher, die à la Hollywood auf ihre Taten aufmerksam machen wollen, dürfte die Plattform hingegen ungeeignet sein: Jeder Eintrag wird vor der Veröffentlichung geprüft - nicht zuletzt aus Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte der Opfer.
(ur)
weitere Nachrichten aus der Kategorie City- & Szenenews:
Diskriminierung oder lediglich polizeiliche Erfahrung? Weil ihn ein Bundespolizist aufgrund seiner Hautfarbe kontrollierte, erstattete ein dunkelhäutiger Deutscher Anzeige - und verlor.
» mehr lesen
38 Kommentare
In Großbritannien steigt der Absatz erotischer E-Books. Auch in Deutschland könnte das unerkannte Konsumieren erotisch-brisanter Geschichten Schule machen.
» mehr lesen
Am 4. August fällt der Startschuss für die nächtliche Laufveranstaltung in Rostock. Der persönliche Startschuss aber kann bereits jetzt abgefeuert werden - was nicht nur sportliche Vorteile birgt.
» mehr lesen



