Ein neuer Umgang mit Sex- Teil 3: Pornorap
City- & Szenenews
08.12.2007
Werner Meyer-Deters, Pädagoge in einer Bochumer Caritas-Beratungsstelle, betreut Minderjährige, die zu Tätern sexueller Gewalt geworden sind. In Walter Wüllenwebers Stern-Artikel erzählt er, dass sich bei seinen zumeist männlichen Patienten vier Gemeinsamkeiten feststellen lassen. Eine davon ist, dass sie grundsätzlich die Musik von Sido, Bushido, Frauenarzt und Co hören. Wenn den Jungen, die Meyer-Deters betreut, zu Beginn der Therapie der MP3-Player abgenommen wird, machen er und seine Kollegen sich mittlerweile nicht einmal mehr die Mühe, zu prüfen, welche Musik sich darauf befindet.
Sogar Grundschüler können die Texte diverser Pornorapper auswendig. Gabriele Heinemann, Sozialarbeiterin in einer Jugendeinrichtung in Berlin Neukölln, erzählt vom Einfluss der Musik auf die Sprache der sehr jungen Hörer. „Ey, ich fick Dich in den Arsch“ sei etwa jede zweite Äußerung. Man stelle sich zu diesem Satz die helle und unschuldige Stimme eines Achtjährigen vor.
Pornorap – verboten und doch verbreitet
Obwohl die Songs des Genres Pornorap als jugendgefährdend gelten, werden sie paradoxerweise überwiegend von Jugendlichen und Kindern gehört. Im Radio werden sie nie gespielt, weil sie auf dem Index stehen. 15 CDs der Pornorapper wurden angeblich allein in den letzten zwei Jahren indiziert. Trotzdem sind Bushido, Sido und Frauenarzt die Idole unzähliger Kinder und Jugendlicher. So verkauft, laut Wüllenweber, allein Frauenarzt etwa 10.000 Cds im Monat. Dass den Fans die Musik trotzdem zur Verfügung steht ist, liegt daran, dass die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien erst nach Erscheinen einer Cd handeln darf. Dies tut sie überhaupt erst auf Antrag. Selbst eine ‚schnelle Prüfung’ dauert dann noch lange – mindestens ein Vierteljahr vergeht, bis es zur Indizierung kommt. In Zeiten des Internets macht dies natürlich wenig Sinn, reichen doch eigentlich schon wenige Tage aus, bis die Fans mit Songs und Videoclips ausreichend versorgt sind.
Songs über Vergewaltigungen und Gangbangs
Walter Wüllenwebers Auffassung nach ist Sido der erfolgreichste aus der Riege der Pornorapper. Der Autor erwähnt Sidos „Arschficksong“, in dem ein junges Mädchen anal vergewaltigt wird. ("Katrin hat geschrien vor Schmerz. Mir hat's gefallen... Ihr Arsch hat geblutet. Und ich bin gekommen.") In Bushido sieht Wüllenweber Sidos größten Konkurrenten. Aus seinem Repertoire erwähnt er den Song „Gang-Bang“, dessen Anfang er ebenfalls zitiert („Ein Schwanz in den Arsch, ein Schwanz in den Mund, ein Schwanz in die Fotze, jetzt wird richtig gebumst“). Im Vergleich zu Frauenarzt seien Sido und Bushido jedoch nahezu Softies. Dessen Songs bezeichnet Wüllenweber als „ins Mikro gebrüllte Vergewaltigungsfantasien“; seine Cds als eine „Ansammlung von Albträumen“. Nicht selten paaren sich die Vergewaltigungsfantasien in den Songs von Frauenarzt mit Gewaltvorstellungen. Wie Sido und Bushido hat auch Frauenarzt einen Song, der Gangbang thematisiert. Bei Frauenarzt klingt das Ganze so: "Alle rauf auf eine Frau." "Die Nutte ist das Fleisch." "Hey Nutte, mach die Beine breit!" "Wir ficken dich, bis dir die Lippen brechen."
Schuld ist immer das Internet...
Auch die Sendung „Polylux“ hat sich kürzlich mit dem Phänomen Pornorap auseinander gesetzt. Die Sendung bewies eindrucksvoll, wie extrem jung viele Fans sind - „Pornorap statt Benjamin Blümchen“, so der passende Kommentar. Zudem kritisieren die Macher die Zeitschrift Bravo, denn dieses einflussreiche Jugendblatt gibt King Orgasmus One und seinen Kollegen eine nicht unbedeutende Plattform. Gerade in so jungen Jahren orientiert man sich an Vorbildern. Im Zentrum des Polylux-Beitrags stehen daher Selbstbild und Verantwortungsgefühl der Künstler gegenüber ihren jungen Fans.
Sido und B-Tight weisen jegliche Verantwortung von sich. Ihre Songs seien schließlich nicht für die 13-jährigen gemacht. Eltern, die ihre Kinder nicht entsprechend vor dieser Musik schützen, seien selbst schuld. Ihre eigenen Kinder würden sie jedenfalls nicht auf ihre Konzerte lassen. Außerdem sei alles doch eher ein überspitzter Gag.
Frauenarzt ist sich seines Einflusses auf Kinder und Jugendliche durchaus im Klaren. Auch meint er seine Texte sehr wohl ernst. Polylux bezeichnet diese als „gerappte Klosprüche“, die „hauptsächlich von Erniedrigung“ handeln. Doch auch er möchte für die Verrohung seiner Fans nicht verantwortlich gemacht werden. Sie davor zu schützen sei nicht seine Aufgabe.
King Orgasmus One setzt der Leugnung jeglicher Verantwortung schließlich die Krone auf. Neben seinen pornographischen Songs produziert „Orgi“ ein halbes Dutzend Pornofilme im Jahr. Erlaubt sind diese erst ab 18. Dass auch seine sehr jungen Fans trotzdem an die Filme herankommen – dafür möchte er nicht verantwortlich gemacht werden. Es sei schließlich nicht seine Schuld, dass im Zeitalter des Internets die Zensur quasi entfällt und auch jeder indizierte Song und Film erhältlich ist. Kontrollieren könne man das alles schon längst nicht mehr.
Vom überspitzten Gag zum bitteren Ernst
Heuchlerisch ist "Orgis" Statement vor allem deshalb, weil sich Fans ab 18 auf seiner Homepage zum Porno-Casting bewerben dürfen. So nutzt King Orgasmus One das böse Internet bestmöglich für seine Zwecke aus. Spätestens hier wird aus dem überspitzten Gag bittere Wahrheit. Ebenso bittere Wahrheit ist die Tatsache, dass Sido und B-Tight ihren Reichtum und Erfolg wohl überwiegend jenen 13-jährigen verdanken, für die ihre Songs angeblich gar nicht bestimmt sind. Fakt ist auch: Egal, ob die Künstler sich selbst und ihre Songs ernst nehmen oder nicht - viele ihrer Fans tun es bedingungslos.
Den überaus sehenswerten Polylux-Beitrag könnt Ihr im Übrigen HIER sehen.
Beim nächsten Mal: Pornorap von Lady Bitch Ray
Werner Meyer-Deters, Pädagoge in einer Bochumer Caritas-Beratungsstelle, betreut Minderjährige, die zu Tätern sexueller Gewalt geworden sind. In Walter Wüllenwebers Stern-Artikel erzählt er, dass sich bei seinen zumeist männlichen Patienten vier Gemeinsamkeiten feststellen lassen. Eine davon ist, dass sie grundsätzlich die Musik von Sido, Bushido, Frauenarzt und Co hören. Wenn den Jungen, die Meyer-Deters betreut, zu Beginn der Therapie der MP3-Player abgenommen wird, machen er und seine Kollegen sich mittlerweile nicht einmal mehr die Mühe, zu prüfen, welche Musik sich darauf befindet.
Sogar Grundschüler können die Texte diverser Pornorapper auswendig. Gabriele Heinemann, Sozialarbeiterin in einer Jugendeinrichtung in Berlin Neukölln, erzählt vom Einfluss der Musik auf die Sprache der sehr jungen Hörer. „Ey, ich fick Dich in den Arsch“ sei etwa jede zweite Äußerung. Man stelle sich zu diesem Satz die helle und unschuldige Stimme eines Achtjährigen vor.
Pornorap – verboten und doch verbreitet
Obwohl die Songs des Genres Pornorap als jugendgefährdend gelten, werden sie paradoxerweise überwiegend von Jugendlichen und Kindern gehört. Im Radio werden sie nie gespielt, weil sie auf dem Index stehen. 15 CDs der Pornorapper wurden angeblich allein in den letzten zwei Jahren indiziert. Trotzdem sind Bushido, Sido und Frauenarzt die Idole unzähliger Kinder und Jugendlicher. So verkauft, laut Wüllenweber, allein Frauenarzt etwa 10.000 Cds im Monat. Dass den Fans die Musik trotzdem zur Verfügung steht ist, liegt daran, dass die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien erst nach Erscheinen einer Cd handeln darf. Dies tut sie überhaupt erst auf Antrag. Selbst eine ‚schnelle Prüfung’ dauert dann noch lange – mindestens ein Vierteljahr vergeht, bis es zur Indizierung kommt. In Zeiten des Internets macht dies natürlich wenig Sinn, reichen doch eigentlich schon wenige Tage aus, bis die Fans mit Songs und Videoclips ausreichend versorgt sind.
Songs über Vergewaltigungen und Gangbangs
Walter Wüllenwebers Auffassung nach ist Sido der erfolgreichste aus der Riege der Pornorapper. Der Autor erwähnt Sidos „Arschficksong“, in dem ein junges Mädchen anal vergewaltigt wird. ("Katrin hat geschrien vor Schmerz. Mir hat's gefallen... Ihr Arsch hat geblutet. Und ich bin gekommen.") In Bushido sieht Wüllenweber Sidos größten Konkurrenten. Aus seinem Repertoire erwähnt er den Song „Gang-Bang“, dessen Anfang er ebenfalls zitiert („Ein Schwanz in den Arsch, ein Schwanz in den Mund, ein Schwanz in die Fotze, jetzt wird richtig gebumst“). Im Vergleich zu Frauenarzt seien Sido und Bushido jedoch nahezu Softies. Dessen Songs bezeichnet Wüllenweber als „ins Mikro gebrüllte Vergewaltigungsfantasien“; seine Cds als eine „Ansammlung von Albträumen“. Nicht selten paaren sich die Vergewaltigungsfantasien in den Songs von Frauenarzt mit Gewaltvorstellungen. Wie Sido und Bushido hat auch Frauenarzt einen Song, der Gangbang thematisiert. Bei Frauenarzt klingt das Ganze so: "Alle rauf auf eine Frau." "Die Nutte ist das Fleisch." "Hey Nutte, mach die Beine breit!" "Wir ficken dich, bis dir die Lippen brechen."
Schuld ist immer das Internet...
Auch die Sendung „Polylux“ hat sich kürzlich mit dem Phänomen Pornorap auseinander gesetzt. Die Sendung bewies eindrucksvoll, wie extrem jung viele Fans sind - „Pornorap statt Benjamin Blümchen“, so der passende Kommentar. Zudem kritisieren die Macher die Zeitschrift Bravo, denn dieses einflussreiche Jugendblatt gibt King Orgasmus One und seinen Kollegen eine nicht unbedeutende Plattform. Gerade in so jungen Jahren orientiert man sich an Vorbildern. Im Zentrum des Polylux-Beitrags stehen daher Selbstbild und Verantwortungsgefühl der Künstler gegenüber ihren jungen Fans.
Sido und B-Tight weisen jegliche Verantwortung von sich. Ihre Songs seien schließlich nicht für die 13-jährigen gemacht. Eltern, die ihre Kinder nicht entsprechend vor dieser Musik schützen, seien selbst schuld. Ihre eigenen Kinder würden sie jedenfalls nicht auf ihre Konzerte lassen. Außerdem sei alles doch eher ein überspitzter Gag.
Frauenarzt ist sich seines Einflusses auf Kinder und Jugendliche durchaus im Klaren. Auch meint er seine Texte sehr wohl ernst. Polylux bezeichnet diese als „gerappte Klosprüche“, die „hauptsächlich von Erniedrigung“ handeln. Doch auch er möchte für die Verrohung seiner Fans nicht verantwortlich gemacht werden. Sie davor zu schützen sei nicht seine Aufgabe.
King Orgasmus One setzt der Leugnung jeglicher Verantwortung schließlich die Krone auf. Neben seinen pornographischen Songs produziert „Orgi“ ein halbes Dutzend Pornofilme im Jahr. Erlaubt sind diese erst ab 18. Dass auch seine sehr jungen Fans trotzdem an die Filme herankommen – dafür möchte er nicht verantwortlich gemacht werden. Es sei schließlich nicht seine Schuld, dass im Zeitalter des Internets die Zensur quasi entfällt und auch jeder indizierte Song und Film erhältlich ist. Kontrollieren könne man das alles schon längst nicht mehr.
Vom überspitzten Gag zum bitteren Ernst
Heuchlerisch ist "Orgis" Statement vor allem deshalb, weil sich Fans ab 18 auf seiner Homepage zum Porno-Casting bewerben dürfen. So nutzt King Orgasmus One das böse Internet bestmöglich für seine Zwecke aus. Spätestens hier wird aus dem überspitzten Gag bittere Wahrheit. Ebenso bittere Wahrheit ist die Tatsache, dass Sido und B-Tight ihren Reichtum und Erfolg wohl überwiegend jenen 13-jährigen verdanken, für die ihre Songs angeblich gar nicht bestimmt sind. Fakt ist auch: Egal, ob die Künstler sich selbst und ihre Songs ernst nehmen oder nicht - viele ihrer Fans tun es bedingungslos.
Den überaus sehenswerten Polylux-Beitrag könnt Ihr im Übrigen HIER sehen.
Beim nächsten Mal: Pornorap von Lady Bitch Ray
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