Ein neuer Umgang mit Sex - Teil 2: Die sozialen Ursachen sexueller Verwahrlosung
City- & Szenenews
30.11.2007
Wie im ersten Teil unserer Reihe berichtet, ist es in vielen sozial benachteiligten Haushalten durchaus üblich, schon am Nachmittag Pornos zu schauen – und zwar gemeinsam mit den Kindern. Eine erschreckende Tatsache, die allein wohl schon hinlänglich begründet, warum die Kinder ebenfalls ein gestörtes Verhältnis zu Sexualität aufbauen. „Wenn Kinder so etwas zusammen mit den Eltern sehen, verstärkt das die enthemmende Wirkung“, erklärt Psychotherapeut Karl Wahlen.
Doch was ist mit der Generation der Eltern? Warum setzt jemand sein Kind der Pornographie aus; was bewegt eine Mutter dazu, es sogar beim Live-Sex mit dem Liebhaber zuschauen zu lassen? Nun, die Gründe dafür finden sich vor allem in der schlechten sozialen Lage derer, die man seit einiger Zeit ganz unliebsam und indiskret die „Unterschicht“ nennt. In diesem Millieu regieren Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Aussicht auf Veränderung gibt es kaum. Dieses „emotionale Notstandsgebiet“, wie Walter Wüllenweber es nennt, hat bewirkt, dass Sexualität im Leben der Betroffenen eine entscheidende Umdeutung erfahren hat. Dies bedarf einer genaueren Erklärung.
Anerkennung durch Sex
Insbesondere in der Unterschicht verändern sich Beziehungen rasant, erläutert Wüllenweber. Vor allem die Rolle des männlichen Partners habe sich im Laufe der Zeit enorm gewandelt. Immer häufiger sei nämlich nicht mehr ein Mann, sondern der Staat der Ernährer der Familie. Männer und Frauen seien nicht mehr so stark aufeinander angewiesen; Paare bilden keine Schicksalsgemeinschaften mehr. Diese Entwicklung mache es den Menschen sehr leicht, sich zu trennen. Was an Verbindung, an Sinngehalt bleibt, ist somit oftmals nur der Sex. Gerade im Leben vieler Frauen, die keinen guten Schulabschluss, keine Berufsausbildung und damit auch keine Aussicht auf einen Erfolg versprechenden Job haben, ist Sexualität ein Lebensbestandteil von enormer Wichtigkeit geworden. Für sie ist Sex oft das einzige Highlight. Wenn sie schon sonst keine Anerkennung erfahren, nicht erfolgreich sind, können sie zumindest durch Sex Lob erhalten. „Die Sexualität“, so Wüllenweber, „bekommt eine neue Rolle, eine neue Funktion im Leben. Sex wird das, was für andere der Beruf ist, das Studium, der Sport oder das Spielen eines Instruments - die Möglichkeit, den eigenen Ehrgeiz auszuleben und zu befriedigen.“
Leistungsdruck stärker als Scham und Ekel
In diesem Zusammenhang spricht der Autor des Stern-Artikels von einem besorgniserregenden sexuellen Leistungsdruck. Dieser sei eben für viele Mädchen stärker als Scham und Ekel. Die Grenzen lösen sich auf. Karl Wahlen betreut einige sehr junge Frauen, die unter Wohnungsbalkons und auf Spielplätzen Gangbangs mit mehreren Jungen über sich ergehen lassen haben. Er fügt hinzu „Die Konkurrenz, unter der die Mädchen beim Sex stehen, ist massiv. In der Therapie wird schnell klar, dass die im Inneren spüren, dass ihnen das alles nicht guttut. Aber dann sagen sie oft: ‚Was habe ich denn sonst?’“
Ein weiteres erschreckendes Beispiel für eine derartige Gefühlslage bietet die für den Artikel interviewte, 19jährige Jessica. Wie Wüllenweber berichtet, rief die arbeitslose junge Frau schon bei der Begrüßung: „Ich bin die mit den zwölfen!“ Sie ist stolz, weil sie mit zwölf Männern Sex hatte, die alle gekommen sind. „Sie ist die Jessica mit den zwölfen. Sie ist wer.“ kommentiert der Autor diese Ekel erregende und traurige Absurdität.
Der Umgang mit Medien
Neben der Sehnsucht nach Anerkennung stellt der Umgang mit Medien das zweite Hauptproblem dar. Dieser ist in der Unterschicht oft als äußerst gefährlich einzustufen – Grund ist eine niedrige Bildung. „Wer nie gelernt hat, kompetent mit Medien umzugehen, dem fällt es schwer, zwischen Fiktion und Realität zu trennen“, erklärt der Autor.
Die Unterschicht sieht generell mehr fern und lässt sich häufiger von anspruchslosen Sendeformaten berieseln als besser situierte soziale Millieus. Dazu kommt der häufige Pornokonsum. „Natürlich guckt die gesamte Gesellschaft Pornos, nicht nur die Unterschicht“, stellt Jakob Pastötter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung, klar. Doch werden in der Unterschicht oft täglich Pornos geschaut. Inmitten dieses Wustes aus Pornographie und Trash-TV, bei dem alles nahtlos ineinander übergehe, entwickle sich etwas, was sich als "mediale Verwahrlosung" bezeichnen lässt. „Trash-Talk-Shows am Nachmittag mit Live-Vaterschaftstest oder gepiercten Müttern, die es mit Freunden ihrer Töchter treiben, Pornos am Abend und dazwischen die eigene Sexualität“, so verschwimmen die Grenzen. Der tägliche Umgang mit Pornographie kann auf diese Weise enormen Einfluss nehmen. Was in Pornofilmen zu sehen ist, vom Verhalten der Darsteller bis hin zur Sprache, entwickle sich, so Pastötter, zu „Rollenvorbildern für die, denen die Vorbilder abhandengekommen sind“. Pornographie werde so zur „Leitkultur der Unterschicht“.
Im nächsten Teil: Pornorap
Wie im ersten Teil unserer Reihe berichtet, ist es in vielen sozial benachteiligten Haushalten durchaus üblich, schon am Nachmittag Pornos zu schauen – und zwar gemeinsam mit den Kindern. Eine erschreckende Tatsache, die allein wohl schon hinlänglich begründet, warum die Kinder ebenfalls ein gestörtes Verhältnis zu Sexualität aufbauen. „Wenn Kinder so etwas zusammen mit den Eltern sehen, verstärkt das die enthemmende Wirkung“, erklärt Psychotherapeut Karl Wahlen.
Doch was ist mit der Generation der Eltern? Warum setzt jemand sein Kind der Pornographie aus; was bewegt eine Mutter dazu, es sogar beim Live-Sex mit dem Liebhaber zuschauen zu lassen? Nun, die Gründe dafür finden sich vor allem in der schlechten sozialen Lage derer, die man seit einiger Zeit ganz unliebsam und indiskret die „Unterschicht“ nennt. In diesem Millieu regieren Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Aussicht auf Veränderung gibt es kaum. Dieses „emotionale Notstandsgebiet“, wie Walter Wüllenweber es nennt, hat bewirkt, dass Sexualität im Leben der Betroffenen eine entscheidende Umdeutung erfahren hat. Dies bedarf einer genaueren Erklärung.
Anerkennung durch Sex
Insbesondere in der Unterschicht verändern sich Beziehungen rasant, erläutert Wüllenweber. Vor allem die Rolle des männlichen Partners habe sich im Laufe der Zeit enorm gewandelt. Immer häufiger sei nämlich nicht mehr ein Mann, sondern der Staat der Ernährer der Familie. Männer und Frauen seien nicht mehr so stark aufeinander angewiesen; Paare bilden keine Schicksalsgemeinschaften mehr. Diese Entwicklung mache es den Menschen sehr leicht, sich zu trennen. Was an Verbindung, an Sinngehalt bleibt, ist somit oftmals nur der Sex. Gerade im Leben vieler Frauen, die keinen guten Schulabschluss, keine Berufsausbildung und damit auch keine Aussicht auf einen Erfolg versprechenden Job haben, ist Sexualität ein Lebensbestandteil von enormer Wichtigkeit geworden. Für sie ist Sex oft das einzige Highlight. Wenn sie schon sonst keine Anerkennung erfahren, nicht erfolgreich sind, können sie zumindest durch Sex Lob erhalten. „Die Sexualität“, so Wüllenweber, „bekommt eine neue Rolle, eine neue Funktion im Leben. Sex wird das, was für andere der Beruf ist, das Studium, der Sport oder das Spielen eines Instruments - die Möglichkeit, den eigenen Ehrgeiz auszuleben und zu befriedigen.“
Leistungsdruck stärker als Scham und Ekel
In diesem Zusammenhang spricht der Autor des Stern-Artikels von einem besorgniserregenden sexuellen Leistungsdruck. Dieser sei eben für viele Mädchen stärker als Scham und Ekel. Die Grenzen lösen sich auf. Karl Wahlen betreut einige sehr junge Frauen, die unter Wohnungsbalkons und auf Spielplätzen Gangbangs mit mehreren Jungen über sich ergehen lassen haben. Er fügt hinzu „Die Konkurrenz, unter der die Mädchen beim Sex stehen, ist massiv. In der Therapie wird schnell klar, dass die im Inneren spüren, dass ihnen das alles nicht guttut. Aber dann sagen sie oft: ‚Was habe ich denn sonst?’“
Ein weiteres erschreckendes Beispiel für eine derartige Gefühlslage bietet die für den Artikel interviewte, 19jährige Jessica. Wie Wüllenweber berichtet, rief die arbeitslose junge Frau schon bei der Begrüßung: „Ich bin die mit den zwölfen!“ Sie ist stolz, weil sie mit zwölf Männern Sex hatte, die alle gekommen sind. „Sie ist die Jessica mit den zwölfen. Sie ist wer.“ kommentiert der Autor diese Ekel erregende und traurige Absurdität.
Der Umgang mit Medien
Neben der Sehnsucht nach Anerkennung stellt der Umgang mit Medien das zweite Hauptproblem dar. Dieser ist in der Unterschicht oft als äußerst gefährlich einzustufen – Grund ist eine niedrige Bildung. „Wer nie gelernt hat, kompetent mit Medien umzugehen, dem fällt es schwer, zwischen Fiktion und Realität zu trennen“, erklärt der Autor.
Die Unterschicht sieht generell mehr fern und lässt sich häufiger von anspruchslosen Sendeformaten berieseln als besser situierte soziale Millieus. Dazu kommt der häufige Pornokonsum. „Natürlich guckt die gesamte Gesellschaft Pornos, nicht nur die Unterschicht“, stellt Jakob Pastötter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung, klar. Doch werden in der Unterschicht oft täglich Pornos geschaut. Inmitten dieses Wustes aus Pornographie und Trash-TV, bei dem alles nahtlos ineinander übergehe, entwickle sich etwas, was sich als "mediale Verwahrlosung" bezeichnen lässt. „Trash-Talk-Shows am Nachmittag mit Live-Vaterschaftstest oder gepiercten Müttern, die es mit Freunden ihrer Töchter treiben, Pornos am Abend und dazwischen die eigene Sexualität“, so verschwimmen die Grenzen. Der tägliche Umgang mit Pornographie kann auf diese Weise enormen Einfluss nehmen. Was in Pornofilmen zu sehen ist, vom Verhalten der Darsteller bis hin zur Sprache, entwickle sich, so Pastötter, zu „Rollenvorbildern für die, denen die Vorbilder abhandengekommen sind“. Pornographie werde so zur „Leitkultur der Unterschicht“.
Im nächsten Teil: Pornorap
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