"Schildkröte" - Dittsches stummer Star

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Franz Jarnach © DDP
09.09.2008

Wer Dittsche kennt, liebt "Schildkröte". Der Spion enthüllt das wirklich wahre Leben des Kult-Fernsehstars, der eigentlich nur vom Feierabend träumt.

Franz Jarnach sitzt in seinem Auto und raucht. Sein Blick unterscheidet sich kaum von dem in seiner Paraderolle, er wirkt ein bisschen, als wolle er am liebsten in Ruhe gelassen werden. In der Improvisationscomedy des WDR Fernsehens "Dittsche - Das wirklich wahre Leben" spielt Jarnach den schweigsamen Imbiss-Stammgast Schildkröte.

Nicht allein wegen dieser Rolle kennt kaum jemand Jarnach unter seinem bürgerlichen Namen. Seit rund 40 Jahren ist er der Hamburger Musikszene als Rock´n´Roll-Pianist Mr. Piggi ein Begriff, "so nennen mich hier alle".

Ein bisschen widerwillig drückt Jarnach seine Zigarette aus, im Restaurant in der Hamburger Sternschanze ist das Rauchen verboten. "Daran bin ich gewöhnt", sagt er. Auch bei den TV-Aufzeichnungen im Eppendorfer Imbiss darf er seit Jahresbeginn nicht mehr rauchen, "ist ja schließlich das wirklich wahre Leben".

Obwohl er in seiner Rolle wortkarg ist und anfangs nur auf den finalen Satz "Halt die Klappe, ich hab´ Feierabend" beschränkt war, besitzt Schildkröte längst eine große Fangemeinde. "Muss wohl am Gesicht liegen", schlussfolgert der 64-Jährige mit den hochroten Wangen. Der Feierabend-Spruch ist zu seinem Markenzeichen geworden, er selbst zur Kultfigur, "obwohl ich nicht weiß, was das sein soll".

Der große Rummel ist nichts für "Schildkröte"

Der untersetzte Mann sitzt mit verschränkten Armen auf seinem Stuhl, der Ruhm ist ihm auch nach mehr als vier Jahren nicht recht geheuer. Durch "Dittsche" hat sich sein Berufsleben als Musiker verändert. Nie zuvor war die Fangemeinde so groß. Vorwiegend junge Leute riefen ihm auf der Tankstelle oder im Supermarkt etwas zu und grölten bei den Auftritten nach Zugaben.

"Die sind immer überrascht, wenn die ruhige Schildkröte losrockt." Zur Sicherheit mache er den Leuten erst einmal klar, was sie erwartet: "Ich mache keine Comedy!" Das Eis sei dann schnell gebrochen, denn "ich hab´ eigentlich eine große Klappe". Bei "Dittsche" hält er sich dagegen bedeckt - obwohl ihn Komiker Olli Dittrich schon mehrfach aufgefordert habe, sich auch verbal einzubringen. "Hoffentlich redest du keine Scheiße", denke er sich dann und schweige lieber weiter, "ist schließlich live".

Als Dittsche in einer Folge festgenommen wurde und Schildkröte seinen Part übernehmen musste, habe ihm das Herz bis zum Hals geschlagen. "Spontan auf der Bühne ist was anderes", sagt er. Jarnach sitzt so stoisch da wie Schildkröte bei "Dittsche". Nur wenn die Sprache auf das Thema Musik fällt, macht sich in seinen Bewegungen eine fast kindliche Aufgeregtheit bemerkbar.

"Schildkröte" der Rock'n'Roller

Früh hat die Musik von Jarnach Besitz ergriffen. Mit vier Jahren lernte er Klavier spielen, Beethoven-Sonaten spielte er mit acht. Die Klassik wich dem Rock´n´Roll, als der 12-jährige Franz in einer Spielhalle im Stadtteil Eppendorf eine Jukebox und mit ihr Elvis Presley und Bill Haley entdeckte. Deren Titel habe er nachgespielt, wenn seine Eltern nicht zuhause waren. "Die hätten gesagt: ´Bist du wahnsinnig, du machst den Flügel kaputt!´"

Intensiv geübt habe er selten, vieles sei ihm zugeflogen, "und ich hab´ mich viel rumgetrieben". Auch im legendären Starclub, wo er die damals noch unbekannten Beatles traf, die bei einem Gesangswettbewerb als Begleitband spielen sollten. "Der fand nicht statt, also hab´ ich 20 Minuten mit denen gerockt, bis der Kellner kam und meinte: ´Der Chef sagt, du sollst von der Bühne runter´."

Seine Leidenschaft führte den gebürtigen Bad Godesberger durch Europa, in den 70ern lebte er sechs Jahre in Italien, "da bin ich irgendwie hängengeblieben". Mit einer international besetzten Band, "auch alle hängengeblieben", habe er die Hitparade rauf und runter gespielt, "wir mussten immer aufpassen, dass die Tanzfläche voll ist".

Nach der Rückkehr in seine Wahlheimat Hamburg traf Jarnach Olli Dittrich, der damals noch als Musiker unterwegs war. Einige Jahre später "kam er an und hat gefragt: ´Hast du Lust auf Fernsehen? Musst nur dasitzen und nichts sagen". Am 11. Oktober fährt Jarnach wieder mit seinem alten Kombi an der Eppendorfer Grillstation vor, setzt sich hin und sagt nichts. Dann beginnt die zehnte Staffel der mit dem Grimme-Preis gekrönten Sendung. "Schon doll", sagt Jarnach, dabei "bin ich da nur ein kleines Rad am Wagen". (ddp/AG)
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