Der Spion-Buchtipp: Nicolas Fargues "Nicht so schlimm"
Bücher
Nicolas Fargues „Nicht so schlimm“ Roman. (Rowohlt 2007).
08.10.2007
Beziehungen sind, so unromantisch das auch klingt, mit Arbeit verbunden. Sie verlangen einem Kompromissbereitschaft und Selbstreflexion ab, und hin und wieder muss man sich vergewissern, dass man zusammengehört und weitermachen will.
Den Protagonisten in Nicolas Fargues’ Roman plagen nach zehn Jahren mit der stolzen und schönen Alexandrine Zweifel an eben dieser Frage. Rückblickend erzählt er in einem ausschweifenden Monolog von seiner Ehe. Wie ein Wahnsinniger hat er seine Frau bis zuletzt begehrt. Jetzt wird ihm klar, dass er sich dennoch nie wirklich wohl an Alex’ Seite gefühlt hat. Zu kühn und fordernd war ihr Naturell, auch sexuell hat sie ihn im Laufe der Zeit zunehmend unter Druck gesetzt. Nach Jahren der Treue lässt „der verhinderte Don Juan“, wie er sich nun selbst nennt, sich auf eine bedeutungslose Knutscherei mit einer Sängerin ein - ein Vorfall, der einen Stein nicht enden wollender Demütigungen und Schuldgefühle ins Rollen bringt. In den Folgemonaten unterwirft er sich reuevoll, regelrecht masochistisch. Es sei das Mindeste, dass Alexandrine ihn wie einen Hund behandle, findet er. Alles, sogar Schläge, lässt er über sich ergehen, damit sie ihm nur endlich kein schlechtes Gewissen mehr macht.
Schließlich wird jedoch Alex zur Ehebrecherin. Von ihrer offenbar lustvollen Eskapade mit einem Anderen erfährt er aus ihrem Tagebuch: „Ich las das, und in dem Moment dachte ich, ich breche zusammen, wirklich, ganz buchstäblich, ich dachte, ich breche zusammen, jetzt verstehe ich diesen Ausdruck und finde keine anderen Worte. Es ist wie eine Explosion im Brustkorb, gefolgt von einer Schockwelle, die dir bis in die Haarwurzeln geht.“ So sinnlich beschreibt der Held seinen Schock und seinen Schmerz, und Fargues lässt es ihn noch viele weitere Male tun, immer ebenso eindringlich. Die gegenseitigen Demütigungen hören nicht auf; man stichelt, man beschuldigt sich, man verletzt ganz bewusst, man verliert immer mehr Skrupel, bis es schließlich kaum noch friedvolle Tage gibt.
Eindrucksvoll zeichnet Fargues das Porträt einer Beziehung, in der zuwenig geredet und zuviel nur bedeutend geguckt wird; eine Beziehung, deren Kommunikation auf einer Körpersprache basiert, die letztendlich viel verletzender ist, als ehrliche Worte es wären. Von einem feindseligen und hasserfüllten Gesicht ist die Rede, und immer wieder lesen wir, wie der Held die abwesenden Blicke seiner Frau erträgt, die in Gedanken offenbar noch bei ihrem Liebhaber ist; immer wieder ignoriert er angestrengt ihre sehnsüchtigen Seufzer. Auch das „mitleidige Lächeln“, das ihm gilt, entgeht ihm nicht.
Freiräume, die man sich fortan schenkt, haben nicht den gewünschten Effekt, dass man sich wieder vermissen lernt. Zu zermürbend waren die Auseinandersetzungen, zu groß ist das gegenseitige Misstrauen. Der bewusst gesuchte Abstand bringt die beiden einander nicht wieder näher, im Gegenteil: Um sich von den Strapazen seiner an Zweifeln erkrankten Ehe zu erholen, besucht der Held, der im Übrigen namenlos bleibt, seinen Vater in Italien. Hier lernt er eine andere Frau kennen, und diesmal ist es keineswegs eine bedeutungslose Bekanntschaft: Er verliebt sich in die Studentin Alice, eine sanftmütige, zärtliche Frau, eine, die „vergessen kann, wie schön sie ist.“ In einer berauschenden, zärtlichen Liebesnacht empfindet er sich endlich wieder als begehrenswerten Mann, der eine Frau unvoreingenommen glücklich machen kann. Auf die Frage seiner Ehefrau, was Alice ihr gegenüber mehr hat, wird er später antworten: „Sie ist zärtlich, sie attackiert mich nicht, sie demütigt mich nicht. Sie tut mir gut.“
Was folgt, sind weitere Abscheulichkeiten in der Ehe, ist der „Gipfel des Sadismus.“ Noch immer stehen jedoch die Angst, einen Fehler zu machen, aber auch Pflicht- und Verantwortungsgefühl einer endgültigen Trennung im Wege. Nicht zuletzt sind aus dieser Ehe zwei Kinder hervorgegangen, die jedoch verstörenderweise kaum je erwähnt werden. Erst, als beide am Ende ihrer Kräfte sind, als klar wird, dass man sich gegenseitig kaum noch die Luft zum Atmen geben kann, werden die unausweichlichen Konsequenzen gezogen.
Nicolas Fargues erzählt hier vom Ende einer abwegigen und verkorksten Beziehung. Eindrucksvoll zeigt er, inwiefern gerade ein solcher Abschied schmerzvoll ist und wie lange es dauert, sich überhaupt die Notwendigkeit des Abschieds einzugestehen. Der Redeschwall seines Helden, der sich nicht selten um dessen Selbstbild und wiederentdeckten Vorzüge dreht, mag etwas egozentrisch und selbstverliebt wirken. Doch erweist sich diese Darstellung als überaus geschickt, bedenkt man, dass hier jemand buchstäblich zu sich kommt. Hier lädt jemand seine „Ego-Akkus“ wieder auf, hier erholt sich jemand von vielen Jahren der Demütigung, von Lieblosigkeit und Missachtung seiner Bedürfnisse. Lesenswert ist der Roman nicht zuletzt deshalb, weil der französische Autor Nicolas Fargues uns ein solches Dilemma einmal mit den Worten eines Mannes nahe bringt.
Nicolas Fargues „Nicht so schlimm“ Roman. (Rowohlt 2007).
Beziehungen sind, so unromantisch das auch klingt, mit Arbeit verbunden. Sie verlangen einem Kompromissbereitschaft und Selbstreflexion ab, und hin und wieder muss man sich vergewissern, dass man zusammengehört und weitermachen will.
Den Protagonisten in Nicolas Fargues’ Roman plagen nach zehn Jahren mit der stolzen und schönen Alexandrine Zweifel an eben dieser Frage. Rückblickend erzählt er in einem ausschweifenden Monolog von seiner Ehe. Wie ein Wahnsinniger hat er seine Frau bis zuletzt begehrt. Jetzt wird ihm klar, dass er sich dennoch nie wirklich wohl an Alex’ Seite gefühlt hat. Zu kühn und fordernd war ihr Naturell, auch sexuell hat sie ihn im Laufe der Zeit zunehmend unter Druck gesetzt. Nach Jahren der Treue lässt „der verhinderte Don Juan“, wie er sich nun selbst nennt, sich auf eine bedeutungslose Knutscherei mit einer Sängerin ein - ein Vorfall, der einen Stein nicht enden wollender Demütigungen und Schuldgefühle ins Rollen bringt. In den Folgemonaten unterwirft er sich reuevoll, regelrecht masochistisch. Es sei das Mindeste, dass Alexandrine ihn wie einen Hund behandle, findet er. Alles, sogar Schläge, lässt er über sich ergehen, damit sie ihm nur endlich kein schlechtes Gewissen mehr macht.
Schließlich wird jedoch Alex zur Ehebrecherin. Von ihrer offenbar lustvollen Eskapade mit einem Anderen erfährt er aus ihrem Tagebuch: „Ich las das, und in dem Moment dachte ich, ich breche zusammen, wirklich, ganz buchstäblich, ich dachte, ich breche zusammen, jetzt verstehe ich diesen Ausdruck und finde keine anderen Worte. Es ist wie eine Explosion im Brustkorb, gefolgt von einer Schockwelle, die dir bis in die Haarwurzeln geht.“ So sinnlich beschreibt der Held seinen Schock und seinen Schmerz, und Fargues lässt es ihn noch viele weitere Male tun, immer ebenso eindringlich. Die gegenseitigen Demütigungen hören nicht auf; man stichelt, man beschuldigt sich, man verletzt ganz bewusst, man verliert immer mehr Skrupel, bis es schließlich kaum noch friedvolle Tage gibt.
Eindrucksvoll zeichnet Fargues das Porträt einer Beziehung, in der zuwenig geredet und zuviel nur bedeutend geguckt wird; eine Beziehung, deren Kommunikation auf einer Körpersprache basiert, die letztendlich viel verletzender ist, als ehrliche Worte es wären. Von einem feindseligen und hasserfüllten Gesicht ist die Rede, und immer wieder lesen wir, wie der Held die abwesenden Blicke seiner Frau erträgt, die in Gedanken offenbar noch bei ihrem Liebhaber ist; immer wieder ignoriert er angestrengt ihre sehnsüchtigen Seufzer. Auch das „mitleidige Lächeln“, das ihm gilt, entgeht ihm nicht.
Freiräume, die man sich fortan schenkt, haben nicht den gewünschten Effekt, dass man sich wieder vermissen lernt. Zu zermürbend waren die Auseinandersetzungen, zu groß ist das gegenseitige Misstrauen. Der bewusst gesuchte Abstand bringt die beiden einander nicht wieder näher, im Gegenteil: Um sich von den Strapazen seiner an Zweifeln erkrankten Ehe zu erholen, besucht der Held, der im Übrigen namenlos bleibt, seinen Vater in Italien. Hier lernt er eine andere Frau kennen, und diesmal ist es keineswegs eine bedeutungslose Bekanntschaft: Er verliebt sich in die Studentin Alice, eine sanftmütige, zärtliche Frau, eine, die „vergessen kann, wie schön sie ist.“ In einer berauschenden, zärtlichen Liebesnacht empfindet er sich endlich wieder als begehrenswerten Mann, der eine Frau unvoreingenommen glücklich machen kann. Auf die Frage seiner Ehefrau, was Alice ihr gegenüber mehr hat, wird er später antworten: „Sie ist zärtlich, sie attackiert mich nicht, sie demütigt mich nicht. Sie tut mir gut.“
Was folgt, sind weitere Abscheulichkeiten in der Ehe, ist der „Gipfel des Sadismus.“ Noch immer stehen jedoch die Angst, einen Fehler zu machen, aber auch Pflicht- und Verantwortungsgefühl einer endgültigen Trennung im Wege. Nicht zuletzt sind aus dieser Ehe zwei Kinder hervorgegangen, die jedoch verstörenderweise kaum je erwähnt werden. Erst, als beide am Ende ihrer Kräfte sind, als klar wird, dass man sich gegenseitig kaum noch die Luft zum Atmen geben kann, werden die unausweichlichen Konsequenzen gezogen.
Nicolas Fargues erzählt hier vom Ende einer abwegigen und verkorksten Beziehung. Eindrucksvoll zeigt er, inwiefern gerade ein solcher Abschied schmerzvoll ist und wie lange es dauert, sich überhaupt die Notwendigkeit des Abschieds einzugestehen. Der Redeschwall seines Helden, der sich nicht selten um dessen Selbstbild und wiederentdeckten Vorzüge dreht, mag etwas egozentrisch und selbstverliebt wirken. Doch erweist sich diese Darstellung als überaus geschickt, bedenkt man, dass hier jemand buchstäblich zu sich kommt. Hier lädt jemand seine „Ego-Akkus“ wieder auf, hier erholt sich jemand von vielen Jahren der Demütigung, von Lieblosigkeit und Missachtung seiner Bedürfnisse. Lesenswert ist der Roman nicht zuletzt deshalb, weil der französische Autor Nicolas Fargues uns ein solches Dilemma einmal mit den Worten eines Mannes nahe bringt.
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